Neulich im Open Air Concert

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Aus: Vom Schönen, Guten, Baren, S. 307

Im Albergo oder: Sich selbst verraten

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Aus: Vom Schönen, Guten, Baren, S.135

Sonett vom Versuch eines amerikanischen Pressesprechers, einem irakischen Kind den Krieg zu erklären

Mein liebes Kind, wir wollen dich befreien.
Das heißt: Wir müssen dich zuvor beschießen.
Wenn du das so verstehst: Als das Begießen
des Pflänzchens Freiheit, wirst du uns verzeihen.

Mein Kind, dir blüht die Mutter aller Bomben.
Wenn sie dich trifft, dann nimm das nicht persönlich.
Wenn du sie triffst, so grüße sie versöhnlich:
Wo keiner bohrt, kann niemand was verplomben.

Das meint: Wenn wir dir deine Stadt zerhauen,
dann mit dem Zweck, sie schöner aufzubauen.
Sofern du tust, mein Kind, was dir geheißen,

Wirst du schon bald das Reich der Freiheit schauen.
Du zweifelst noch? Uns kannst du blind vertrauen:
Wer dich beschießt, muß dich nicht noch bescheißen.

Aus: Gesammelte Gedichte 1954–2006, S. 923

Umweltbewußtsein

Nie werde ich den Tag vergessen, an welchem der ganze Ärger begann.

»Guck mal, Ingrid, unsere Mülltonne hat gejungt. Da stehen jetzt drei statt einer!« hatte ich verblüfft ausgerufen. »Und die Kleinen haben auch schon ganz merkwürdige Namen! Die niedliche grüne heißt ›Altglas‹ und die süße blaue ›Altpapier‹!« So hatte ich unbeschwert gescherzt, doch dann war zufällig Uwe aus dem Haus getreten und hatte uns darüber aufgeklärt, daß die wunderbare Vermehrung der Mülltonnen im Rahmen eines hessischen Modellversuchs erfolgt sei, der, wiewohl zu spät begonnen und unzureichend durchgeführt, schon deshalb begrüßt und unterstützt werden müsse, weil jeder Versuch, den seit 1950 ums Fünffache gestiegenen Abfall der BRD-Haushalte –

»Ist ja schlimmer als der Abfall der Niederlande!« hatte ich gutgelaunt dazwischengerufen, doch weder Ingrid noch Uwe verzogen auch nur eine Miene, und auch mir sollte das Lachen bald vergehen.

Anfangs freilich ließ sich der Modellversuch gar nicht so schlecht an. Unser Leben wurde nicht nur umweltbewußter, sondern auch einfacher. Noch umweltbewußter, um genau zu sein. Denn umweltbewußt hatten wir schon seit Jahren gelebt, was freilich nicht immer einfach gewesen war. Nehmen wir nur das Problem der Altglasentsorgung. Sicher, da hatte es jenen etwa einen halben Kilometer entfernten Altglas-Container gegeben, und ich war ja auch immer brav mit meinem Leergut dorthin gepilgert – na gut, nicht immer. Auch leere Flaschen sind schwer. Und wenn dann noch die Sonne vom Himmel sticht, der Arm vom vielen Entkorken lahmt und der Kopf vom vielen Entleeren schmerzt, dann – wer ohne Schuld ist, werfe die erste Flasche – , dann war es schon mal vorgekommen, daß ich die ganze lästige Bürde heimlich und blitzschnell im ersten besten Mülleimer abgestellt hatte, wenn auch nie im allerersten und mir nächststehenden, also unserem. Und das wiederum hatte mit Uwe zu tun, nein, eigentlich noch mehr mit Svende. Doch an dieser Stelle sind wohl erst einmal einige erklärende Worte fällig.

Ingrid und ich wohnen in einem Zwei-Familien-Altbau, den wir vor fünf Jahren zusammen mit den Rittingers gekauft haben, die aber niemals in ihre Parterrewohnung eingezogen sind, weil sie ihre Beziehung durch den im Grundbuch auf beider Namen eingeschriebenen Hausbesitz unversehens unter einen derart unerträglichen Erwartungsdruck gesetzt sahen, daß sie sich kurzerhand trennten und die Wohnung ihrem damals achtzehnjährigen Sohn Uwe überließen, der sie mit wechselnden Freunden und Freundinnen nutzte, bis schließlich Svende kam und blieb, eine praktizierende Grüne, die in Ingrid und mir unheimlich wichtige Lernprozesse auslöste.

So belehrte sie Ingrid darüber, daß jedweder Gebrauch der Waschmaschine ein Umweltverbrechen darstelle, weshalb sie auch nur mit Kernseife wasche – worauf Ingrid es lernte, ihre Waschmittel so zu verstecken, daß sie bei einem zufälligen Besuch nicht ins Auge fielen, und ihre Waschmaschine nur dann anzuwerfen, wenn Svende in ihre Stillgruppe ging. Mich dagegen sensibilisierte Svende nach einer Mülleimerkontrolle in Sachen Altglas, und immer bestrebt, der Jugend mit gutem Beispiel wenn schon nicht voranzugehen, dann doch wenigstens hinterherzulaufen, trug ich seither geduldig mein Kreuz bis zum fernen Container, jedenfalls fast immer – doch damit war ja nun Schluß, und alles hätte so schön sein können, wenn es nur nicht so schlimm weitergegangen wäre.

Den Anfang machte Ingrid. »Hier!« sagte sie und stellte knallend zwei Cognac-Flaschen auf meinen Schreibtisch.

»Oh! Danke schön!« erwiderte ich erfreut. »Rémy Martin! Meine Lieblingsmarke! Wie aufmerksam von dir! Wo hast du denn die her?«

»Aus der Altglastonne.«

»Ach ja? Und welcher Narr wirft in diesem Hause volle Rémy-Flaschen in die Altglas-Tonne?«

»Sie sind leer!«

»Ach was?« Nun sah ich es auch. »Und welche Närrin schleppt hier leere, bereits weggeworfene Rémy-Flaschen wieder an?«

»Ich.«

»Das schwante mir, Weib. Und warum tust du solches?«

»Weil sich in dieser Woche bereits drei leere Cognac-Flaschen in der Altglas-Tonne angesammelt haben. Und weil ich nicht will, daß Svende und Uwe dich für … für … einen …«

»Wieso mich? Hast du nicht ebenfalls von diesem Zeugs … na ja …«

»Dann eben uns.«

»Und wieso willst du nicht, daß die uns für … für …«

»Weil wir Älteren den Jüngeren ein Vorbild sein sollten. Und da finde ich es einfach nicht gut, wenn die qua Mülltonne Woche für Woche Einblick bekommen in unseren, vor allem aber deinen … na ja …«

»Drei Flaschen?«

Ingrid nickte.

»Vielleicht stammt eine von Uwe und Svende?« fragte ich hoffnungsvoll.

»Nie. Die trinken nur Fruchtsäfte.«

»Und woher weißt du das?«

»Das lehrt der Tonneninhalt.«

»Weil er nicht häufiger geleert wird«, erwiderte ich blitzenden Auges und wußte doch, daß auch diese geschliffene Sentenz mich nicht davor bewahren würde, die leeren Flaschen bei Nacht und Nebel beseitigen zu müssen: Der gläserne Mensch, von dem die rechten Utopisten immer geträumt hatten, er drohte nun dank eines linken Umweltministers im Wortsinne Wirklichkeit zu werden. Doch tags darauf sollte es noch schlimmer kommen.

Gerade hatte ich meinen Mülltüten-Inhalt umsichtig auf die Tonnen verteilt, gerade wollte ich die Glasausbeute des Tages, eine Weißweinflasche und ein Underberg-Fläschchen, in die Altglas-Tonne werfen, als die zufällig an mir vorbeischauende Svende mich sanft fragte: »Sag mal, findest du das eigentlich so gut, was du da gerade machst?«

»Na ja«, stammelte ich, »so ein Schluck naturreiner Weißwein zum Mittagessen und hinterher ein Fläschchen Underberg, also alles praktisch Heilkräuter … das ist doch … ich meine …«

»Findest du es eigentlich so gut, Glas und Papier in ein und dieselbe Mülltonne zu werfen?« hakte Svende nach und löste damit jene Spirale des Schreckens aus, die seither meine Tage verdüstert.

Wie jeder Underberg-Trinker weiß, ist jedes Underberg-Fläschchen in ein braunes Packpapierchen eingeschlagen, und für einen Moment war ich versucht, das Papierchen unter Hinweis auf seine Kleinheit hohnlachend zusammen mit dem Fläschchen in die Altglas-Tonne zu schleudern, als ein, wie ich damals noch meinte, teuflisch witziger Plan mich innehalten ließ.

»Danke für den Hinweis«, sagte ich gleisnerisch, riß, so gut es ging, das teilweise angeklebte Papier vom Fläschchen, warf jegliches in seinen Behälter und schaute sodann zweifelnd vom Etikett der Weißweinflasche zu Svende.

»Vielleicht löse ich das besser ebenfalls ab?« fragte ich mit gespielter Bußfertigkeit, atmete dann aber scheinbar erleichtert auf, als mir Svende großherzig Absolution erteilte: »Ach komm … Das bißchen Papier …«

Dafür tat ich anderntags um so unbarmherziger, als ich mit spitzen Fingern eine Granini-Flasche aus dem Altglas-Behälter holte und Svende streng befragte, weshalb sie den metallenen Schraubverschluß nicht einer vom Glase getrennten Beseitigung zugeführt habe. Weil es leider noch keine gesonderte Altmetall-Tonne gebe, antwortete sie in aller Unschuld, worauf ich tückisch ein Eimerchen präsentierte, das ich eigenhändig mit »Altmetall« beschriftet hatte:

»Weißt du, ich finde, wir Umweltbewußten sollten nicht nur auf staatliche Verordnungen warten, wir sollten auch selber getrenntsammlungsmäßig initiativ werden –«, und zu diesen Worten ließ ich den Granini-Deckel lustig klirrend in den Eimer fallen.

Doch was als parodistischer Seitenhieb auf übertrieben sortenreine Müllbeseitigungspraktiken gedacht gewesen war, entpuppte sich unvermittelt als Rohrkrepierer. Nicht genug damit, daß Svende und Uwe meine vorgebliche Initiative total gut fanden, sie zogen auch einen Tag später gleich, indem sie einen mit »Altkunststoff« beschrifteten Eimer im Vorgarten aufstellten, ein Vorgang, den Svende mit den Worten begleitete: »Da kommen dann zum Beispiel die Plastikverschlüsse von deinen Underberg-Flaschen rein.«

Der Schlag saß! Zwei Tage lang fiel mir keine passende Antwort ein, schon wollte ich mit einer »Altbier«-Tonne das Handtuch werfen, da riet mir Ingrid, mit »Altholz« zu kontern.

»Altholz?« fragte ich mißtrauisch. »Gibt’s so ein Wort überhaupt?«

»Gibt ja auch Altbundeskanzler.«

Trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl, als ich die neue Tonne in den nun schon reichlich vollgestellten Vorgarten trug.

»Für gebrauchte Streichhölzer und so«, erläuterte ich der interessiert zuschauenden Svende.

»Logisch«, erwiderte sie. »Die leeren Streichholzschachteln kommen aber ins Altpapier!« fügte sie mahnend hinzu, da wußte ich, daß ich es mit unbezwinglichen Gegnern zu tun hatte und daß mein endgültiger umweltschützerischer und mülltechnischer K. o. nur noch eine Frage der Zeit war.

Und richtig: Seit gestern steht sie vor unserer Tür, die Biomülltonne. »Für alles Kompostierbare, wird sowieso bald Pflicht in Hessen«, hatte Uwe kurzangebunden erklärt. »Claro«, hatte ich demütig geantwortet und zugleich voller Schrecken gespürt, wie da etwas sehr Gemeines und sehr Böses in meinem Herzen aufkeimte, ein derart totgeglaubtes Gefühl, daß mir anfangs nicht einmal der Name dafür einfiel. Wie hieß das gleich? Sünde?

»Weißt du, wem wir beiwohnen?« fragte ich Stunden später Ingrid, die in der Küche die Abfälle des Tages vorsortierte.

»Nein«, sagte sie zerstreut und fischte einen Teebeutel aus dem Biomüll. »Den tue ich wohl besser zum Altpapier – oder?«

»Etwas ganz Schrecklichem!« fuhr ich mit erhobener Stimme fort.

»Ja?« Sie blickte abwesend auf den Teebeutel. »Der Tee
ist doch eigentlich bio. Aber was ist der Beutel?«

»Dem Entstehen einer neuen Moral!« Ich schrie es beinahe.

»Ach ja? Und was mache ich mit den beiden Metallklammern? Und was mit dem hier?« Sie zog grüblerisch an dem Fädchen, das den Beutel mit dem Haltepapier verband. »Ist Schnur nun mehr bio oder mehr Altpapier oder mehr Altholz?«

»Ingrid!« sagte ich beschwörend. »Weißt du, was das heißt, bedeutet: eine neue Moral? Es bedeutet neue Werte und neue Gesetze, neue Verinnerlichungen und neue Institutionen, neue Sünden und neue Schuldgefühle, neue Päpste und neue Häresien – und wir beide immer vorneweg als Apostel der neuen Umweltmoral, ausgerechnet wir, die wir Jahrzehnte damit zugebracht haben, die Bürde der alten klerikal-bourgeoisen Moral abzuschütteln! Ich aber sage dir: Es wird kommen der Tag, da werden die Herrschenden diese biologisch-dynamische Öko-Moral zur herrschenden erheben, so, wie sie es einst mit dem Christentum getan haben; in stillgelegten Waschsalons aber werden sich die Altgläubigen und Abtrünnigen sammeln, und sie werden in widerwärtigen Orgien Flaschenleergut in die Biomülltonnen rammen und kompostierbare Abfälle hohnlachend mit Sondermüll und anorganischem Restmüll vermischen, und sie werden beide Entsorgungssysteme lästern, das Holsystem wie das Bringsystem, und sie werden in eklen Gesängen die Getrenntsammlungsverordnung schmähen und einen Götzen anbeten, der wird gemacht sein aus Plastikbeuteln und Einwegflaschen, und auf einmal wird die Türe splittern, und es werden eintreten die Häscher der Öko-Inquisition, und sie werden hochrecken ein Kreuz aus Kernseife, zu reinigen die Stätte von dem Frevel, und sie werden Altholz zu Scheiterhaufen schichten, auf daß das Gesetz erfüllet werde, das da sagt: –«

»Schnur ist doch bio!« Lächelnd ließ Ingrid das Teebeutelschnürchen über der Biomüll-Tüte schweben, als plötzlich Besorgtheit ihre Züge streifte. »Oder doch nicht?« fragte sie wie von weither. »Ist Schnur vielleicht weder noch? Brauchen wir vielleicht noch eine … eine …« Kichern hinderte sie am Weiterreden.

»Was brauchen wir?« fragte ich besorgt, ohne doch ihrem grausen Kichern Einhalt gebieten zu können.

»Eine – – – Altschnurtonne?« prustete sie.

»Ingrid!« Ich legte schützend meinen Arm um ihre Schultern. »Laß uns schlafen gehen. Morgen ist auch noch ein Tag!«

»Und was ist Schnur?« fragte sie fast tonlos.

»Bio!« antwortete ich fest.

»Bestimmt?«

»Bestimmt!«

Noch schaute sie zweifelnd.

»Ganz bestimmt! Schnurbart ist doch auch bio!«

Da erfüllte ein großer Glanz von innen ihr Gesicht.

»Stimmt!« sagte sie glücklich und ließ sich willenlos abführen.

Aus: Es gibt kein richtiges Leben im valschen, S. 7–15